Äußerlichkeiten
Mehr scheinen als sein - oft auch beim Fahrrad
eine beliebte Philosophie.
Die Modelldesigner wissen, daß der erste Kundenblick oft
an's hintere Schaltwerk wandert, daher wird die Schokoladenseite
des Rades mit möglichst hochwertigen Komponenten bestückt.
Da Geld aber bekanntlich nur einmal ausgegeben werden kann, muß
der dort verbrauchte Betrag an einer anderen Stelle wieder hereingeholt
werden. Ein teures Schaltwerk lenkt oft von seinem billigeren Kollegen
an den vorderen Kettenblättern ab, und meist hält schon die
Tretlagerachse im Rahmeninnern nicht mehr das, was die Kurbelgarnitur
von außen verspricht.
Halbwahrheiten
Im Zeitalter der Selbstbedienung und der damit verbundenen
Selbstberatung versuchen Fahrrad-Hersteller, möglichst "hochwertige"
Markennamen einzelner Bauteile in den Vordergrund zu stellen, damit
auch das komplette Rad entsprechend gut beurteilt wird.
Markennamen
alleine (z.B. "Shimano") helfen aber eigentlich
überhaupt nicht, um Qualitäten zu beurteilen oder
zu vergleichen. Selbst konkrete Typenbezeichnungen ("Shimano Nexave")
können trügerisch sein, wie folgendes Beispiel zeigt.

Tretkurbeln mit dem Aufdruck "Shimano Nexave"
gibt es in drei Qualitäten, die sich im Preis um mehr als
das Doppelte unterscheiden:
Die
günstigste Variante ist die T301. Alle Kettenblätter
sind aus Stahl und, wie die Kehrseite der Kurbel zeigt, untrennbar
mit dem (Alu-)Kurbelarm vernietet. Beim Verschleißen der
Zähne muß die komplette Kurbel erneuert werden.
Der
mittlere Typ T401 besitzt ebenfalls Kettenblätter
aus Stahl, die mit dem (poliertem) Alu-Arm zusammenhängend
über eine einzige Schraubenreihe verschraubt
sind. Dieser Kettenradblock ist nicht als Ersatzteil zum Austauschen
erhältlich, auch hier muß also bei einem Verschleiß
der Zähne die komplette Kurbel erneuert werden. (Durch die größeren
Zähnezahlen halten sie aber länger)
Bei
der Bauart T400 sind die beiden kleinen Kettenblätter
aus Stahl und das größte aus leichtem Aluminium.
Über zwei Schraubenreihen mit unterschiedlichem Durchmesser
sind sie einzeln austauschbar mit dem Arm verschraubt
und bei Bedarf als Ersatzteil erhältlich. (Das
Bild zeigt eine bauähnliche Kurbel, die T400 war bei der der
Entstehung dieser Seite nicht verfügbar)
Aber
selbst genaue Typenbezeichnungen können noch
unterschiedliche
Ausführungen besitzen. In dem o.g. Fall wäre uns das zwar
nicht bekannt, aber bei Schalthebeln z.B. können
geizige Montagebetriebe
noch völlig unauffällig Geld und Qualität einsparen:
Selbst hochwertigste Schalter sind auf Wunsch mit einfachen verzinkten
Schaltseilen zu bekommen anstelle von nichtrostenden Edelstahlzügen...
Viele Hersteller von Fahrradkomponenten stellen zudem
gezielt billigere Qualitäten ihrer eigenen Markenware her,
die dann ausschließlich für den "versteckten" Einbau
in Kompletträdern zum Einsatz kommt. Reifen-Fabrikanten z.B.
bieten spezielle "OEM-Versionen" mit weniger dicht gewebten
Karkassen an, die, sobald sie einmal montiert sind, von außen
nicht erkennbar sind.
Ein weiteres Beispiel für kleine, aber nicht unwichtige Unterschiede zeigt das nächste Foto mit zwei Schaltzug-Aussenhüllen. Beide Hüllen trragen den Aufdruck "Shimano SIS", die untere aber den Zusatz "SP". Der technische Unterschied wird deutlich, wenn man unter die schwarze Hülle schaut:

Damit das hintere Schaltwerk genau das macht, was der
Schalter am Lenker von ihm will, ist es wichtig, daß alle Schaltzugbewegungen
sauber transportiert werden. Normale Zugaußenhüllen (die obere Ausführung) bestehen
aus einem einzigen gewickelten Draht, dessen Fugen sich unter
Druckbelastung schliessen und sich dadurch die Länge der Hülle verkürzt. Die SP-Hüllen
besitzen dagegen ein Bündel längsgerichteter Drähte,
die den Druckkräften beim Schaltvorgang besser widerstehen
(unten im Bild).
Wir verwenden bei Schaltungen ausschliesslich die bessere SP-Ausführung. Dass es auch eine abgespeckte Version gibt, haben wir erst an einem einem relativ neuen Baumarkt-Fahrrad entdeckt, das an chronischen, unerklärlichen Schaltschwierigkeiten litt. Die dort verbauten Schalter und das Schaltwerk ließen zwar prinzipiell keine hohe Lebensdauer oder besonderen Komfort zu, erwiesen sich aber als unschuldig: Nach dem Austausch der Hüllen lief die Schaltung wieder.
Bei Typenbezeichnungen kann manchmal sogar die Stelle hinter dem Komma wichtig sein: Die Hülle SIS-SP40 ist innen mit einer Gleitschicht versehen, die Ausführung SIS-SP41 ist zusätzlich auf der gesamten Länge innen gefettet.